Graz Auf Auge – Meine 21. Diagonale

Meine 21., also eigentlich meine 3. Diagonale, seit ich wieder Grazer bin, aber 3 steckt ja in 21 also 1 & 2 auch und dies wird also auch die nächsten 8 Jahre so zählbar bleiben.
Meine sonstigen Zahlen waren auch nicht schlecht: In 15 verschiedenen Vorführungen konnte ich 32 Machwerke österreichischen und internationalen Filmschaffens bestaunen und verbrachte mehr als 24 Stunden nur am reinen Schauen. Eine konditionelle Großtat, wenn man bedenkt, dass ich auch die die Tage beendenden, heiteren Zusammenkünfte der Grazer Cineast_innen und ihrer österreichischen Filmdealer_innen niemals ausgelassen habe, sondern mich bis in die frühen Morgenstunden den angeregten und anregenden Auseinandersetzungen über die gegenwärtige Befindlichkeit austriazistischer Cinematographie leidenschaftlich, man möchte fast sagen berauscht, hingab.

So wurde das morgendliche Aufstehen und Ins-Kino-Düsen zum Ausdauertest und wohlweislich war darauf zu achten seinen Körper, der die Augen und Ohren für das Gezeigte offen halten muss, mit einer Mischung aus Koffein, Zucker, Fett und autogenem Training wach und frisch zu halten, ohne den Filmgenuss der Mitschauenden etwa durch heiße Dämpfe, verstörendes Rascheln von Verpackungen oder zu ausladenden Sitzyogaübungen zu beeinträchtigen. Siehe da, es gelang mir ganz gut, ich erfreue mich auch heute noch bester Gesundheit, bin bis oben hin voll mit neuen Eindrücken und zukunftsweisenden Auseinandersetzungsanstößen und kann nur entfernt erahnen, was die beiden Organisatoren und Kuratoren das ganz Jahr über zu leisten imstande sind, um uns ein mal im Jahr so eine kompakte Ladung österreichischer Filmproduktion nach Graz zu bringen.

Ein brillantes Duo, das ein hochmotiviertes, immer freundliches und kompetentes Festivalteam anführt, das uns Konsument_innen smooth und hilfsbereit durch die langen Tage und endlosen Nächte in den Grazer Kinos geleitet.

Ihre Brillanz & Hingabe zeigen die Beiden nicht nur in ihrer leidenschaftlichen mit politischen Spitzen gespickten Eröffnungsrede, sondern auch in der Auswahl der Moderatorin der Eröffnungsgala: Julia Gräfner geleitet mit lakonischem Witz und provokativen Pointen, durch eine kurzweiliges Vorprogramm, dessen Highlight die Ehrung der Schauspielerin Ingrid Burkhard und insbesondere deren Dankesrede darstellt. Während die Laudatio auf sie in höchsten Tönen poetische Allgemeinplätze über die Kunst der Darstellung bedient, ist ihre eigene Dankesrede sehr konkret und endet mit dem Satz: „Es kann und darf uns nicht passieren, dass ein öffentlich-rechtliches Institut uns nicht die Wahrheit sagt! Herrgott nochmal. Darum müssen wir wachsam sein.“ Das Publikum dankte ihr, davor schon, mit stehenden Ovationen.

Auch der Eröffnungsfilm rückt unsere andauernd bedrohten demokratischen Grundwerte ins Zentrum der Aufmerksamkeit.
(Inhaltsangaben und weitere Infos finden sich verlinkt unter den jeweiligen Filmtiteln, meine Kurzberichte versuchen lediglich meine subjektiven also persönlichen Wahrnehmungen und mir als interessant erscheinende Querverweise zum Gezeigten wiederzugeben.)

Murer – Anatomie eines Prozesses zeigt im Detail auf, wie der Staat Österreich vertreten durch Gericht und Staatsanwalt, einen schwarzen Landbürgermeister, der auch als ‚Schlächter von Villnius“ bekannt war, vor den ihn anklagenden Überlebenden Zeugen seiner Greueltaten in Schutz nimmt. Brillant gespielt von allen Beteiligten, schmerzhaft in Szene gesetzt von Christian Frosch, der auch das Thema aufgespürt hat. Mitten in der Tragik, die Freude über die Jiddische Sprache der Überlebenden Zeugen, die mich als Betrachter, durch die fremde Vertrautheit noch tiefer ins Geschehen mitreißt. Die Spannung ist atemberaubend, die Bilder und die Darstellung kompromisslos und so feiert der Film mit dem großen Preis der Diagonale einen glatten Start-Ziel-Sieg.

Das Eröffnungsfest ließ keine Wünsche offen, die Party war fett, Hände geschüttelt, Lob ausgeteilt, Dudes und Dudetten geherzt. Mein Bloodsbro war die ganze Woche da und auch das Gästebett war gut frequentiert. Graz macht noch mehr Spaß, wenn Österreich auf Besuch ist.

Über die Details der langen und erquickenden Nächte in der Liszt-Halle, der Bar 8020, dem HDA, dem Blendend, dem Bunker und der Kombüse legen wir den Mantel des Schweigens. Komm doch das nächste Mal selbst, es herrscht niemand außer eine tolle und offene Stimmung, die jede/n einlädt mitzufeiern, mitzuquatschen und sich gegebenenfalls ein bisschen aufzuführen…

Mein Filmprogramm ist bestimmt von Neugier und Gelegenheit, nicht immer bekommt man rechtzeitig Karten für die gewünschten Filme, aber ich habe mich auch nicht großartig vorbereitet. Kommt man in den einen Film nicht, geht man in ein anderes Programm, entdeckt dabei Schätze von ausgesuchter Qualität und eröffnet sich ein noch breiteres Spektrum einer regelrechten Galaxie von Sternstunden, die von den Diagonalemacher_innen sorgsam installiert wurde.


Ich starte mit dem Kurzfilmprogramm 1, um 11 im KIZ Royal. Das ist für mich perfekt, denn ich wohn in der Nähe und im Kurzfilmprogramm entdeckt man die Talente von heute, die die Auftraggeber von morgen sein werden:

CSL von Christoph Schwarz ist eine coole Mockumentary über einen Künstlerdude der Männer gleichen Vor- und Nachnamens dazu einlädt eine Loge zu gründen und sich gegenseitig zu befördern. Sehr lustig auch die öffentlich zur Schau gestellte Einbezugnahme des Diagonale All-Stars Robert Buchschwenter als Drehbuchberater.

Mascarpone von Jonas Riemer ist ein rasend schneller 14-minütiger Clip über einen Filmvorführer der in das Auto eines Unterweltbosses kracht. Die Kulissen sind aus Pappmaschee, das Genre ist der Gangsterfilm und die Liebe zur großen Geste macht den Film zu einem eindrucksvollen Kurztrip in ein Universum, das noch viele Möglichkeiten zur Erzählung weiterer Geschichten im selben Setting liefern könnte.

Der vier-minütige Animationsfilm Animateur gleicht einem gespielten Witz von Loriot und ist schön anzusehen.

Der Film ENTSCHULDIGUNG, ICH SUCHE DEN TISCHTENNISRAUM UND MEINE FREUNDIN von Bernhard Wenger könnte den Preis für den besten Kurzfilm in diesem Jahr unter anderem deswegen bekommen haben, weil sich alle nach einer Diagonale in feucht-winterlichen Verhältnissen nach eben jenem Wellnesshotel sehnen, in dem ENTSCHULDIGUNG, ICH SUCHE DEN TISCHTENNISRAUM UND MEINE FREUNDIN spielt. Sehr schöne Bilder und eine trockene Komik skandinavischer Prägung machen das charmante Machwerk zur umfassenden Sinnesfreude.

Zu Mittag um 14:00 geht‘s ans Westufer der Mur ins Annenhofkino zu Western von Valeska Grisebach. Ein Spielfilm über einen Ostdeutschen der erstmals zur Kraftwerksmontage nach Bulgarien kommt und auf Erkundungstrip zu den Anwohner_innen des naheliegenden Dorfes geht. Geprägt von wunderbaren Amateurdarsteller_innen und einer dichten Erzählung entdecken wir ganz nahe den Zauber, der in einfachen Begegnungen steckt, wenn man sie, auch über eine Sprachbarriere hinweg, einfach zulässt.

Mit einem „Experimentalfilm“ wie Die Galerie als Vorfilm zu Gatekeeper im KIZ um 18:30 kann mich G. Zahn allerdings nicht hinter dem Ofen hervorholen. Ein schöner gesprochener Monolog über ein Praktikum in einer Galerie, wird mit wechselnden Farben hinterlegt, die jeweils die ganze Leinwand ausfüllen würden, würden nicht die obligatorischen Untertitel das Konzept der nur von Farbe gefüllten Leinwand ad absurdum führen. Zum Glück dauert, das Hörspiel nur 20 Minuten.

Gatekeeper als Hauptfilm macht allerdings wieder große Freude. Loretta Pflaum inszeniert sich zusammen mit Lawrence Tooley als Hauptdarstellerin selbst und liefert ein dichtes Drama über eine Galeristin, die sich einen Flüchtling, den sie angefahren hat zum Lustknaben und zoologischen Betrachtungsobjekt mit nach Hause nimmt. Lustvoll und komisch wie so ein klassisch, moderner französischer Liebesfilm.

Um 21:15 bleiben wir im KIZ Royal und geben uns L‘ANIMALE von Katharina Mückstein. Ein perfekt gemachter Spielfilm, der nicht nur eine entscheidende Phase im Erwachsenwerden einer burschikosen Maturantin, die zwischen ihrer Motoradgang und möglichen Freundinnen schwankt, in den Fokus nimmt, sondern auch herrliche Schlaglichter aufs Landleben und die sexuellen Identitätsprobleme ihrer Eltern wirft. Man fühlt sich gut aufgehoben in diesem großartig und genau recherchierten und feinsinnig, poetisch inszenierten Gesellschaftsbild und wir freuen uns auf mehr.

Die Partys der Mittwoch Nacht waren lang, euphorisch und genau richtig dimensioniert, man gibt noch einmal richtig innerhalb der Szene Gas bevor ab Donnerstag die Stadt und die Wochendgäste dazukommen 😀

Pünktlich um 11:00 sitzen wir am Donnerstag wieder im KIZ Royal und freuen uns über die konsequente Programmierung, die zum Frühstück ein Kurzspielfilmprogramm nämlich die Nummer 4, serviert.

Die Geschichte und Schlagrichtung von Four Seasons von Manuel Wetscher bleiben mir in den 20 Minuten seines Andauerns verschlossen. Die Dialoge der beiden Hauptdarsteller wirken beliebig und nicht inszeniert, sodass man ihrer Mühe etwas zu spielen mehr gewahr wird, als der etwaigen Intention der filmischen Erzählung.

ZALESIE (Virgin Woods) von Julia Zborowska hingegen ist eine poetische Miniatur, die in großartigen, wunderschönen Bildern, genau in Szene gesetztem Spiel in einen polnischen Wald an einen munteren Bach entführt. Mit wenigen Worten von großartigen Schauspieler_innen wird in einem eindrucksvollen Setting fesselnde dramatische Spannung aufgebaut.

Am Himmel von Magdalena Chmielewska bringt uns wieder nach Wien und bleibt sehr dicht auf der Hauptdarstellerin der Am Himmel Gewalt angetan wurde. Das Spiel schmerzt und überzeugt, da man selbst in den Zustand einer Aufarbeitung versetzt wird und nach und nach nur erahnt was ursprünglich geschehen ist.

Was Gewalt ausgespielt bedeuten kann, erfahren wir um 14:00 in Alexandra Makarovás Meisterwerk ZERSCHLAG MEIN HERZ. Für mich absolute Weltklasse. Ein modernes Märchen in einem realistischen Setting, dass meine Tränendrüsen ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr davon abgehalten hat, ihren von emotionalen Schmerzen erleichternden Dienst zu tun. Kompromissloses Schauspiel in einer herzzerreißenden musikalischen Komposition werden mich diesen Film noch lange nicht vergessen lassen. Auch die Produktionsbedingungen und die Leidenschaft der Macher_innen, mit wenigen Mitteln Großes zu Schaffen, sind beeindruckend.

Nach dieser Spielfilmfülle ist es um 18:30 Zeit für reale Welterkenntnis im Kurzdokumentarfilm Programm 2 im bezaubernden Rechbauerkino:

Operation Janewalk von Leonhard Müllner und Robin Klengel ist ein entzückender experimenteller Beitrag zur Weltfriedensforschung. Wir marschieren mit ein paar animierten Figuren eines Multiplayershooters durch die realitätsgetreu animierten Hochhausschluchten Manhattans und bekommen dazu architektonische Betrachtung zu entscheidenden Bauwerken serviert. Eine tolle Idee, die mit einem lässigen Soundtrack garniert ist, der die letztendlich doch nicht ganz gewaltfreien Wege zwischen den Gebäuden untermalt.

Bojo Beach von Elke Groen trifft genauestens meinen Dokumentarfilmgeschmack. Breite, weite Bilder und lange Einstellungen zeigen einen einzigen Arbeitsablauf, nämlich den 2. Fang eines Fischerkollektivs an der ghanaischen Küste. Die Bilder erlauben unkommentiert ein stilles, unbeteiligtes Beobachten eines menschlichen Alltags in einem fernen Ort der Welt.

Anubumin
von Oliver Ressler und Zany Begg hätte aufgrund seiner politischen Brisanz auch am Elevate Festival vor zwei Wochen laufen können. Wir sehen Material von Whistleblowern die auf der streng bewachten und abgeschotteten Insel Nauru die Greuel eines ausgelagerten australischem Flüchtlingscamps erahnen lassen. Auf einer Insel die dank ihres ursprünglichen Phosphatreichtums (ein jahrtausende alter Berg von Vogelscheisse) als Kunstdüngermine bereits zu Ende ausgebeutet wurde. Kunstdünger der zum größten Teil auf den Feldern Australiens gelandet ist.

Zum Schluss Narrating Hebron von Viktoria Beyer. Zu Bildern aus dem geteilten Hebron kommen Tonspuren von verschiedenen israelischen und palästinensischen Tourguides, die jeweils ihre unterschiedliche Perspektive zum Nahostkonflikt zum Ausdruck bringen. Am Grab Abrahams, des Freundes (Hawi) des muslimischen und des jüdischen Gottes fühlt man, die zum Alltag gewordene Absurdität, des von struktureller Gewalt geprägten Konflikts um ‚heiliges‘ Land.

Um 21:15 geht‘s zurück ins Spielfilmprogramm, zurück ins KIZ Royal, zurück ins späte Mittelalter.

Hagazussa nennt sich Lukas Feigenfelds filmische Auseinandersetzung mit dem Hexenglauben alter Zeiten. Von sodomistischen Anwandlungen bis hin zum Brunnenvergiften und Kinderfressen ist alles explizit und in epischen, hervorragenden Bildern dargestellt, was die katholische Kirche am Beginn der Neuzeit vor Allem weiblichen Anhängerinnen des alten Glaubens angelastet hat. Der junge Autor und Regisseur versucht diese Greueltaten als Folge von Ausgrenzung, Vergewaltigung und damit einhergehender traumatischer Psychosen herzuleiten und entfernt sich damit für mich nicht weit genug von der althergebrachten, erzkatholischen Diffamierung und der damit fälschlich begründeten Verfolgung von Hexen. Seine sporadisch eingeführten und kurz gehaltenen Erklärungsversuche für die Ursachen, der seinen zwei Hexen angelasteten Grausamkeiten, stehen elendslange, bis zum letzten Babyblutstropfen ausgekostete, explizite Darstellungen ihrer Untaten gegenüber. Für mich stellen sich hier, wenn auch keineswegs beabsichtigt, großartiges Schauspiel und großartige Bilder in den Dienst eben jener menschenverachtenden Kirchenpropaganda, die bis heute den kleinen Kindern Angst vor Hexen macht.

Donnerstag Nacht lass ichs ein bisschen ruhiger angehen, die Murinsel mischt sich als Partylocation am Ende des Street Cinemas ins Abendprogramm, kommt aber wohl auch aufgrund der penetrant auftretenden Sicherheitskräfte der Stadt Graz nicht wirklich in Schwung.

Freitag früh!? Richtig. Kurzspielfilm Programm 3 steht am Programm des KIZ Royal.

Boomerang von Kurdwin Ayub erzählt flott und einprägsam in annähernd Echtzeit über einen Abend an dem ein penetranter Vater seine Exfamilie nicht in Ruhe lassen kann. Man ist berührt und fühlt mit dem verstoßenen Vater ebenso mit, wie man die peinliche Berührtheit seiner Familie mit nachvollziehen kann.

Die Bewegung der Sonne von Jan Prazak kommt als filmische Etüde sehr ansprechend daher und lässt auf mehr hoffen, sobald die gut inszenierten Bilder und Szenen in längeren Formaten Zeit haben werden sich zu entfalten.

Die Wanda – 0043 & Columbo Musikvideos von Florian Pochlatko und Jasmin Baumgartner sind sehr lässig.

Schneemann von Leni Gruber wird mein persönlicher Kurzfilmfavorit. Eine junge Frau bewegt sich einen Sommertag lang durch ihr Leben in einer Künstlerszene und trägt sich als geschnitzte Fetischfigur ihres Vaters sogar selbst spazieren. Es wirkt mir alles in diesem Film sehr vertraut und nahe, es erinnert mich an meine Tweentimes, die ich in Wien verbrachte, es spricht alles so zu mir und es ist zudem exzellent ausgeführt. Ich sollte diese Filmemacherin echt mal treffen…

Voltage von Samira Gahrehmani ist auch wieder sehr ansprechend und gut gemacht, die Protagonistin ist mir persönlich jetzt nicht so nahe wie im Film davor, aber ich kenn auch diese Situation und finde sie urlustig umgesetzt. Es verbergen sich auch hier die Ingredienzien für einen richtig guten österreichischen Langfilm im DJ-Millieu.

Im Rechbauer erhalte ich dann mit Malambo von Milo Dor die Gelegenheit durch einen Klassiker des unabhängigen, österreichischen Filmschaffens (1986), das bisher gesehene in Relation zu setzen. Es ist ein wunderschöner Film über einen Entfesselungskünstler, der es eigentlich gar nicht kann und ein Film über Wien, dem es eigentlich egal ist. Es ist so poetisch und wunderschön was alles in diesem Schwarzweißfilm zusammenkommt. Es ist ein Meisterwerk, das die Tradition aus der es kommt und den vom anwesenden Filmemacher selbst aufgestellten Verweis zu Frederico Fellini mit Stolz vertreten kann.
Die ungleich schwierigere Kampf um Produktionsmittel in den 1980er Jahren sollte den jungen Filmemacher_innen von heute Vorbild und Ansporn zugleich sein, ihre Träume und Visionen unbeirrbar zu verfolgen und sich Verbündete zu suchen das Abenteuer Film selbst zu wagen.

Ich habe einen Auftritt am Freitag Abend und so fällt das Filmprogramm den letzten Vorbereitungen und der Ausführung der ersten Maker‘s Night im Jakominiviertel zum Opfer. Ich erkläre meine Performance kurzerhand zum Diagonale-OFF-Experimentalprogramm in dem sich ein Darsteller von der Leinwand löst und mit seinem Publikum in den öffentlichen Raum und die Arbeitswelt von Designer_innen und Handwerker_innen aufmacht.

Direkt anschließend erlebe ich am Eingang zu Zauberer von Sebastian Brauneis zudem ich spontan mitgehe erstmals, wie es sich anfühlt, nicht an der Schlange vorbei zu seiner reservierten Karte kommt, sondern mitansehen muss, wie sich das Kino, ohne einen selbst als Zuseher, füllt. Man muss das auch einmal erlebt haben und kann dann von Außen das Kino als Kultplatz erfühlen, in dem eine belebte Maße um das Feuer großer E rzählungen sitzt. Also geht‘s direkt und früher auf die anstehenden Partys und es wird die längste aller meiner Diagonalenächte. So bin ich erst am Samstag Abend wieder fit genug um ins restliche Filmprogramm einzusteigen.

Salt of the Earth von Herbert Bibermann läuft um 19:00 im Schubertkino und war der erste Film, den das Kollektiv Filmladen nach Österreich gebracht hat, und dessen Schaffen ein Spezialprogramm der Diagonale darstellt, deshalb führt auch Ruth Beckermann höchstselbst ins Programm ein. Gezeigt wird die spielfilmische Aufarbeitung eines Arbeitskampfs in New Mexiko, in dem mexikanischstämmige Minenarbeiter Gleichberechtigung mit den anglostämmigen Arbeitern fordern. Ich gendere Arbeiter hier nicht, da es anfänglich tatsächlich nur die Männer sind die für Gleichberechtigung kämpfen. Sie gewinnen erst die Oberhand gegen ihre Konzernvertreter (Sic!) als sich ihre Frauen in den Kampf einmischen und mit der Gleichberechtigung vor dem gemeinsamen Feind auch die Gleichberechtigung innerhalb der Familie einhergeht. Ein packendes episches Drama mit exzellenten professionellen und nichtprofessionellen Schauspieler_innen, das revolutionäres Feuer schürt und solidarisches Feuer entfacht. Man leidet richtig darunter, dass die Figur des Hauptdarstellers einen ganzen Film lang braucht, um endlich bedingungslos auf die Figur der Hauptdarstellerin zu hören.

Auf amol a Streik von Ruth Beckermann und Josef Aichholzer berichtet direkt von den Wicklern der Semperitfabrik in Traiskirchen, die 1978 für mehrere Monate die Arbeit niedergelegt haben um gegen reale Verschlechterungen ihres Lohns durch die Einführung neuer Maschinen zu protestieren. Ein beeindruckendes Zeitdokument, dass nicht nur die Arbeiter zu Wort kommen lässt, sondern auch in graphischen Darstellungen von Manfred Deix die nackten Zahlen hinter dem Konflikt aufbereitet. Dass sich der ÖGB zuletzt von den Streikenden distanziert, lässt einen frühen Grund für den bis heute währenden langsamen Abstieg der Sozialdemokratie als politisch führende Kraft erkennen. Auch die Mode der späten Siebziger bleibt augenfällig in Erinnerung: alle tragen ein bisschen längeres Haar und Hosen mit Schlag. Auch hier haben sich die Vorkämpfer_innen des österreichischen Indipendentfilms die Produktionsmittel mit großem persönlichem Einsatz ‚zusammengeschnorrt‘.

Nachts um 23:00 geht‘s nochmal ins Schubertkino zu einem Spezialretrofilm auf den ich mich schon seit Tagen freue und alle darüber in Kenntnis setze mich doch zu diesem Knaller zu begleiten: NEKROMANTIK von Jörg Buttgereit.

Da wir in Graz schon seit 20 Jahre eine tolle Stadtmediathek in der Vorbeckgasse 12 mit einer hervorragenden Kunstfilmauswahl haben, sind einige Cineasten und Videofreaks mit dem schönen Schauer des deutschen Ausnahmekünstlers Buttgereit bereits vertraut.

NEKROMANTIK von 1982 handelt von der Liebe zu Leichen und dem Liebemachen mit Leichen und Leichenteilen. Horrorsplattervergnügen auf höchstem Niveau mit ausschließlich analogen Spezialeffekten und einem grausamen Witz sorgen für ein weiteres Diagonalehighlight, dass sich auch die Redakteur_innen vom Vice für ihr Special ausgesucht haben und den Meister nach der Vorstellung ausführlich interviewed. Dazu mehr hier.
Aus heutiger Perspektive wirkt dieser Film für mich wie ein zeitloses episches Gemälde.

Samstag Nacht ist die große Abschiedsparty im Orpheum und obwohl wir schon kaum mehr können, schleppen wir uns auch dahin und schütteln nochmals ausführlich alle Hände auf ein baldiges Wiedersehen auf einem Filmset oder spätestens der nächsten Diagonale.

Am Sonntag geht aber das Programm noch weiter. Das Kurzspielfilm Programm 5 darf zur Abrundung des Gesamteindrucks nicht unbeachtet bleiben.

100 €uro von Aleksey Lapin ist ein starker Kurzfilm über zwei Brüder und ihren letzten Tag in der Stadt Wien. Man sieht wie sie abgezockt werden und wie sie selber abzocken und während sie auf verschiedene Begegnungen warten führen sie Gespräche über die Welt wie man sie aus Tarantinogangsterfilmen kennt und schätzt. Prädikat cool, schlau und unterhaltsam.

Der Ausflug von Jürgen Karasek überrascht mit einem Blick auf eine österreichische Heimatwehrgruppe die in einem Grenzwald das Aufhalten von wandernden Flüchtlingen selbst in die Hand nimmt. Exzellente Schauspieler_innen und einprägsame Bilder lassen den Film richtig weh tun. Weh im Sinne von „der Filmemacher ist zwar inspiriert von wahren Begebenheiten in Bulgarien, aber man traut es der latent fremdenfeindlichen halben österreichischen Bevölkerung ohne Weiteres nicht nur verbal zu hetzen sondern auch selbst real auf Menschenjagd zu gehen!“

Mit 37 Grad liefern Paul Porenta und Alexander Reinberg ein kurzes Roadmovie mit starken Charakteren und viel Content ab. Die Taxifahrt vom Linzer Hauptplatz zum Hauptbahnhof dauert zwar ohne Stau 28 Minuten, aber solche Lächerlichkeiten ignorierend, erfreut man sich am dichten Spiel zweier hervorragender Schauspieler und einem exzellenten, atemberaubenden Schnitt.

Zuletzt noch um 16:00 im Schubert eine Langdoku: A memory in Khaki von Alfoz Tanjour führt uns ins geschundene Damaskus vor der Rebellion und dem neuesten Krieg, in Rebellion und Krieg hinein und schließlich auch an die Stationen und Endpunkte der Flucht von ausgesuchten Syrerinnen und Syrern, deren Liebe zu ihrer Heimat und deren Leid durch Unterdrückung und Flucht zum beklemmenden Hauptthema der Dokumentation werden. Den Bildern der Zerstörung und den Gedanken der Protagonist_innen wohnt eine zauberhafte, leidvolle Poesie inne, die Unfassbarkeit der Erlebnisse dieser Menschen fasst den im wohlig warmen Kino sitzenden Besucher mit kalter Hand an die Gurgel und die Berichte von der Grausamkeit diktatorischer Herrschaft schließen den Kreis zum Eröffnungs- und Preisträgerfilm ‚Murer‘ der die Verhandlung über derartige Grausamkeiten vor ein ungerechtes Gericht bringt. Man könnte verzweifeln an dieser Welt, aber gerade der Mut derer, die in den widrigsten Umständen nicht an Staatsterror und Unterdrückung verzweifeln macht Hoffnung und spornt uns an zu einer aufmerksamen und widerständigen Lebensführung und zu fortschreitender Politisierung des eigenen Kunstschaffens.

Danke dem gesamten Team der Diagonale 2018, dass ihr eine solche Achterbahnfahrt der Gefühle und der Erkenntnisse möglich macht, dass ihr immer hilfsbereit, unkompliziert und zuvorkommend seit und dass ihr das feinstaubverschmutzte Graz für ein paar Tage in filmischem Glanzlicht erstrahlen lasst! Euer jimi lend aka jack o‘mini

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Über jimilend

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