Vozim biziklim.

Die Zeit vergeht wie im Flug hier auf meiner AiR Artist in Residency im Open Space Evergreen Sarajevo, aber es ist ein langsamer intensiver Gleitflug in eine Gesellschaft, die 20 Jahre nach dem fast 5-jährigen Belagerungsschockzustand wieder gelernt hat in Frieden miteinander zu leben. So ein ähnlicher Geist könnte in den mir als Teenie schon ersehnten 1968ern in Europa und den USA geherrscht haben und die Häufigkeit der guten Psycadelic Rock Beschallung wäre ein ebenso gutes weiteres Indiz dafür.

Die erste Bosnische DRaMa SLaM gleichzeitig DRaMa SLaM XXX wird am 20. Maj im Kriterion Avantgarde Kino Sarajevo von statten gehen. Als Autor_innen konnten wir bereits einige Student_innen und Absolvent_innen der hießiegen Theaterfakultät gewinnen und auch das örtliche Schauspieler_innenquartett wird ein Erlesenes sein.
Es geht also hervorragend voran und im Gespräch mit dem berühmten Dramatiker Almir Imširević wird mir wieder einmal erfreulich bewußt, was die Kernqualität einer künstlerischen Residenz ist: 

einfach unbefangen herumgehen und mit Leuten reden, über die Augen und Ohren der hier permanenten Residierenden in die Stadt hinein lauschen.
Dieses Prinzip will ich nun im zweiten Drittel meines Aufenthaltes kultivieren: einerseits die Einheimischen an Plätzen, die sie mir empfehlen, treffen andererseits in der mir Gast gebenden Gallerie einen Pop_Up Salon installieren und über Theater und damit die Welt parlieren. „Du entscheidest selbst, was Du als besonders wahrnimmst an jedem Ort an den Du kommst“, meint Almir; ein Gedanke der mir sehr gut in Erinnerung bleibt, mich froh zustimmen lässt und mich meinerseits zur Überlegung bringt, dass man entweder selbst entscheidet, welche Informationen über die Realität man als bedeutend wahrnimmt, oder man die Gewalt über seinen Informationsfluß zunehmend abgibt und irgendwann ganz verliert.

Ich zum Beispiel beschäftige mich sehr viel mit der, mir immer wieder den Atem raubenden, Schönheit dieser Stadt. Was Wunder, der Frühling nimmt volle Fahrt auf und die Grünanteile im Gesamtspektrum haben sich innerhalb zweier Wochen vervielfacht. Vater Winter hat seine eiskalte Hand von Sarajevas Kehle genommen und sie atmet aus vielen Kehlen freudig auf. Ein paar Leute machen sich schon bereit für den Aufbruch in die Sommerresidenzen, aber ich kann mich glücklich schätzen hier noch das Ende des Maj abzuwarten. Ich lausche zur gegebenen Stunde andächtig den Stimmen der verschiedenen Muezzine und kann in ihrem Klang nichts Bedrohliches entdecken. Ich denke vielmehr an die Geschichte von Abraham, dem Vater vieler Väter und daran, dass eine seiner Frauen ausgerechnet Sara hieß. Deswegen ist es absurd, dass wenn man schon an Gott glaubt, man sich über die besondere Auslegung streitet. Für mich sind es alte Geschichten, die uns über die Kürze eines Menschenlebens hinwegtrösten, indem wir uns mit den vielen Generationen vor uns verbinden. Wie muß sich erst die Welt fühlen, die diese vielen Geschichten geduldig erträgt?

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Über jimilend

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