Od kuće do kuće

Kann man sich in eine Stadt verlieben?- Offensichtlich.
Ich bin hin und weg. An jeder Ecke, wenn ich durch Deine Gassen oder an Deinem Fluss entlang streife, wenn ich zu den umliegenden Bergen aufschaue, wenn ich ein altes Haus betrete, fallen mir aus allen Winkeln Kleinodien ins Auge, die mein Herz vor Verzückung aufschreien lassen, die mich warm anfassen und geduldig zwischen sich umhertaumeln lassen. Wie schön kann man sein? Ich darf nun wochen- und nächtelang in Deinem Schoß liegen und innerlich geschwellt über die Zärtlichkeit schluchzen, die Du mir durch Dein bloßes Dasein zukommen lässt, die Du durch Dein tapferes Überleben möglich machst.

Schon geht es richtig ab mit mir, wie sich aus diesem Moment lyrischer Verklärung , gestern nachmittag leicht erkennen lässt. I’m walking on sunshine. Mit Zeit und einer Aufgabe in eine fremde Stadt zu gehen ist an sich schon genial,  und dann ist einem auf einmal alles so vertraut und nahe. Natürlich habe ich wenig bis keine Ahnung was hier vor sich geht und in der jüngeren Geschichte vor sich gegangen ist, ich lasse erstmal alles vor allem äußerlich (und für meinen ćevapi-Report auch innerlich) auf mich einwirken.
Als ich mit dem Zug über die Grenze nach Bosnien gekommen bin, haben mich die Minarette, die hier oft die Dorfkirchen ersetzen oder neben ihnen existieren, noch ein wenig eingeschüchtert, eingebettet in diese Stadt finde ich sie vor allem eines, einfach schön… Wer sich von Islamophobie beeinträchtigt fühlt, sollte dringend einige Tage in Sarajevo verbringen, um hier zu erleben, wie ein friedliches, respektvolles und ungezwungenes Miteinander funktionieren kann. (Das Kritikfass an jeglicher Religion an sich will ich hier nicht aufmachen, wichtig scheint mir, dass man wenn man es gewohnt ist, dass jede/r seinen/ihren Gott auf ihre Weise anbetet, das im gemeinsamen Alltag überhaupt keine Probleme machen muss. Arschlöcher, sind diejenigen die religiöse Zugehörigkeiten für ihre Machtpolitik instrumentalisieren!)
Die Toten leben hier mitten in der Stadt und nehmen gewissermaßen am gesellschaftlichen Leben teil. Direkt vor meinem Appartment zieht sich ein riesiger Friedhof, von hohen Mauern unumringt, wie ein breiter Fluß ins Tal hinunter und auch in anderen kleinen Parks finden sich jede Menge Grabsteine, die sich, fundamentlos in die Erde gerammt,  sogar ganz langsam bewegen. Diesen Umgang mit den Verbliebenen und dem Tod an sich empfinde ich als grundlegend wünschenswert. Es wird in vielen Kulturen so viel Zeit aufgewandt um sich vom Tod abzulenken, dabei lebt man glaube ich viel besser und weniger verzweifelt, wenn man sich seiner Vergänglichkeit stets bewußt ist und damit offen umgeht.

Ein Höhepunkt meines zweiten vollen Tages als Arist in Residence war der Besuch im Despić Haus, dem Haus einer Slawisch Orthodoxen Bürgerfamilie, welche im 19. Jahrhundert das erste regelmässige Theater der Stadt betrieben hat. Man erlebt den Lebensstil einer reichen Kaufmannsfamilie, der durch seine elegante Fusion der wichtigsten hier zu findenden kulturellen Einflüsse besticht. Ich nutze die Gelegenheit im ehemaligen Theaterraum ein paar Takte aus Schillers Wilhelm Tell zu rezitieren um mich gleichsam metaphysisch dem geschichtlich vibrierenden Schauplatz anzunähern und tatsächlich erfasst meine Phantasie die Schwingungen einer erheiterten und ergriffenen geisterhaften Zuschauerschar. Bemerkenswert ist auch das Testament des alten Despić, der stets Protagonist seiner Aufführungen war, er bedenkt zu gleichen Teilen die Armen der jüdischen, der katholischen und der muslimischen Gemeinde mit einer Spende. Den Orthodoxen lässt er freilich das Doppelte zukommen, sicher ist sicher, …

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Über jimilend

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