Diagonale 2016 – Ein Brobrief/ing

miagonale Lieber Harry,

da ich weiß, wie sehr Du den österreichischen Film liebst und Dich in diesem Jahr sehr gute Gründe von Deiner Mutterstadt fern halten, schicke ich Dir hier meine persönlichen Eindrücke von den All Austrian Film Days 2016 in Graz:
(Be aware of spoilers)

Kurz zusammengefasst: Meine Diagonale 2016 war sehr lässig.
Nach über 25h reiner Projektionszeit hab ich nun einiges und sehr unterschiedliches an Ö-Film intus und ich kann berichten: die Lage ist nicht so schlecht.
Es sind viele gute Leute unterwegs und sie erzählen jede/r auf ihre/seine eigene Weise Geschichten von bestechender Aktualität.

TAG 1
Mittwoch morgen in unserem Heimkino, dem Annenhof, starte ich mein Filmfest mit dem Kurzdokumentarfilmprogramm 1:

Aufgeblendet wird mit „Leuchtkraft“ von Clara Stern und Johannes Höß. Ein 4 Minuten kurzer, perfekter Festivaleinstieg mit stimmungsvollen Bildern von, und kurzen Statements über klassische Neonlichtgeschäftsüberschriften.

In „Auf Augenhöhe mit dem Teufel“ von Alexander Naringbauer lerne ich durch Interviews und Aktionsbildern von Salzburger Krampusläufen mehr über die Leidenschaft unseres Krampuscousins Alex. Man atmet die Winterluft im Gasteinertal und blickt mit Unterstützung von coolen Zitaten (wer Canetti verwendet, hat bei mir schon viel gewonnen) hinter die heiter grinsenden Bartlmasken.

„The Sea You Have To Love“ bringt mich an die Adriaküste nach Rovinj und begleitet einen alten italienischstämmigen Fischer, der jetzt Touristen herumgondelt und eine kleine Indy-Fischercrew auf ihren Ausfahrten. Er dokumentiert ihren täglichen Kampf ums Überleben. Wirklich coole Bilder von der See und die latente Melancholie eines absterbenden Berufsstandes rühren mein Herz an. Das Filmteam kennst Du übrigens von Deinem Küsteneinsatz als junger Brenner.

Dokfilm Nr.4 in diesem Block ist „Zuhause ist kein Ort“, in dem Clara Trischler über den Weg ihrer Großeltern aus der Tschechoslowakei über Afrika nach Österreich berichtet. Sie hat dafür Sarah-Christin Peter auf VHS übertragenes Super-8 Material ihres Großvaters über Interviews mit ihren Großeltern zusammen schneiden lassen und so können wir Zuseher in eine ganz persönliche Familiengeschichte eintauchen und über die Anweisungen des Dokfilmgroßvaters an seine filmende Enkelin schmunzeln.

Jetzt schnell rüber ins Schubert. Die Sonne scheint und ich geb mir sofort noch einen lässigen Kaffee auf dem klassischen Grazer Catwalk. Im Kino drinnen dann das Kurspielfilmprogramm 2.

„RAISA“ von Pavel Cuzuioc entführt uns nach Moldavien wo eine junge Frau vom Land in die Stadt fährt um etwas Wichtiges zu besorgen, auf das man in dem Land lange warten muss.Zwei großartige Schauspielerinnen in einer schlichten Umgebung, deren Schönheit durch die tollen Kameraeinstellungen zu Tage tritt, verhandeln unheimlich spannend ein Geheimnis, dass erst ganz zuletzt aufgelöst wird.

Mit „Auf Wiedersehen Schönbrunn“ geht es zu einer russischen Mutter, die ihren kleinen Sohn auf einem Ausflug in den Schlosspark verliert und wieder findet. Aleksey Lapin erzählt eine klare dramatische Geschichte mit einen wohltuenden Spritzer russischer Verrücktheit. Entgegen der echten russischen Tradition gönnt er sich und uns allerdings ein Happy End.

„Die Last der Erinnerung“ von Albert Meisl ist ebenso eine schöne klare Geschichte im Musiktheoretikermilieu. Es ist sehr unterhaltsam und erholsam menschlich, wenn Klischees einfach konsequent bedient und kleine Macken und Eigenheiten in kurzen Szenen abgebildet werden.

„Lonora – Eine Seifenoper“ von Sabine Koder ist die abschließende Krönung dieses Blocks. Eine detailverliebte und wundervoll gespielte Geschichte über die Begegnung zweier Sozialphobiker. Man erfreut sich vor allem an der Protagonistin, die sich von einem Lieferservice alles in ihr perfekt geordnetes Haus bringen lässt und an der Überwindung die es sie kostet, beim krankheitsbedingten Ausfall ihres Standartliferanten, selbst auf die Straße treten zu müssen. Der Witz liegt im Untertitel.

Ohne die Anschlussdiskussion von KF2 mitverfolgen zu können, aber nicht ohne unseren Freund Sigi Steiner zu begrüßen der mich zu seiner abendlichen Premierenfeier einlädt, radle ich zügig ins KIZ Royal um rechtzeitig zum Kurzfilmprogramm 4 zu kommen. Ich muss zwar immer 10 Minuten vorher meine Karte abholen, aber in der Schlange vor dem Kinosälen habe ich in der Regel keinen Stress, weil ein von mir ersehnter Platz vorne in der Mitte, mit der maximalen Ausfüllung meines Sichtfeldes durch die Leinwand, meistens noch frei ist.

KF4 startet mit „For Whom I Might Die“ einem Film aus der Perspektive eines Hauses. Das Haus schaut hinaus und sieht schöne alte Menschen, wundervolle Spätsommerblätter und hört schöne Musik. Im Katalog steht eine Handlung, die sich mir nicht wirklich auftut. Ich erlebte den Film als bewegtes ästhetisches Gemälde.

Danach „Boat People“ von Paul Meschuh, den ich schon seit seinen Schülertagen kenne, als er uns Schauspielstudent_innen beim Film & Fernsehworkshop ablichtete. Für mich ein Hammerfilm. Ein Kammerspiel über ein deutsches Pärchen auf einem Segelturn, der jäh von einem zugeschwemmten afrikanischen Flüchtling gestört wird. Eindrucksvolle bewegte Actionbilder auf hoher See, eine Superschauspielführung und eine krasse Story, die für mich in wenigen Minuten einen wichtigen Aspekt der Weltflüchtlingsbewegung beleuchtet. Nämlich den wo die Europäer sagen: Wir können Euch nicht legal und sicher ins Land bringen, aber ihr könnt es gerne zu Fuß oder schwimmend probieren.

Ich skippe  „Alles wird gut“, den Oscar-nominierten Film von Patrick Vollrath,

weil um 18:00 im Annenhof die Projektion von „Holz Erde Fleisch“ von Sigmund Steiner beginnt. Es geht um drei Bauern, die er mit der Kamera besucht, um über die Beziehung zu seinem eigenen Vater zu reflektieren. Er bringt starke Bilder vom Leben am Hof und kommt mit Unsersgleichen, den Bauern und ihren Familien in philosophische Gespräche über die schicksalhafte Verbindung der Menschen mit dem Boden, dem Wald und den Tieren. Zum Schluss druckt’s mir sogar die Tränen raus. Während dieser Film die Essenz der Landlebens in die Stadt bringt, locken wir mit unserem Theater die Leute aufs Land um es selbst zu erleben. Ein guter Austausch.

Dann nochmal ins Royal zur Uraufführung von  „Hannas schlafende Hunde“ von Andreas Gruber. 124 Minuten lang reisen wir in eine genial und bis ins kleinste Detail (bis auf einen zu jungen Steyr – LKW, wie ein aufmerksamer Zusachauer in der Schlussdiskussion anmerken wird) historisch original ausgestattete Nachkriegsgemeindebaugesellschaft in der die überlebenden Jüdinnen noch immer mit der Bedrohung, Anfeindung und Verhöhnung der den Krieg verloren habenden kurzzeitigen Herrenmenschen konfrontiert werden. Ein tolles Schauspieler_innensemble und eine dichte Geschichte die bis ins letzte Detail auserzählt wird. Der Förster von der Falkenau ist auch endlich mal in einer deepen Rolle zu sehen.

Es ist schon Mitternacht als ich in der Postgarage aufschlage und mit meinem berühmten Dichterkollegen Manni Boy Gram die Labanda-Premierenfeier gleich nebenan der Boat People Party zelebriere.

TAG 2
Nachdem ich mir nach TAG 1 zu Hause auf der Couch noch eine Doors-Doku reingezogen habe und mir dabei ein fast vergessenes Role-model für Jimi Lend wieder in Erinnerung führte,
falle ich direkt aus dem Bett in einen Sitz des Schubertkinos,

wo zur mittäglichen Stunde das „Zum Vergessen“ Spezialprogramm beginnt: Erst ein Wahlwerbefilm der Kommunistischen Partei und danach „Sturmjahre – Der Leidensweg Österreichs“ von Frank Ward Rossak, der unseren noch immer von manchen zelebrierten Mythos huldigt, nach dem Österreich das erste Opfer des Nationalsozialismus wäre.
(Das erste Opfer war, denke ich, Deutschland.)
Auch nach dem Krieg zog die Propaganda also in einer anderen Spielart ihre verstörenden Kreise weiter. Die gezeichneten Effekte sind rührend und die dramatisierten Geschichten wirken auf mich immer noch gefährlich emotionalisierend. Die Originalkulissen und die Originalaufnahmen von 1936 bis zum Wiederaufbau sind jedoch äußerst sehenswert.

Nach einem kurzen Snack am Jacky check ich bei „Loz Felis“ von Edgar Honetschläger ein. Ein Österreicher der auf der ganzen Welt und mit der ganzen Welt Filme realisiert. Der Plot allein ist schon fantastisch. Der Vatikan macht sich um die Hoheit über die Bilder in Hollywood Sorgen und schickt eine junge Schönheit mit einer japanischen Göttin und dem Teufel himself in einem 50er Jahre Schlitten auf den Weg nach Los Angeles. An dem Auto fährt eine 5m hohe gemalte Leinwand auf manuell angetriebenen Rollen vorbei, die die verschiedenen surrealen Hintergründe des intensiven Schauspiels in wechselnden Sprachen bebildert.❤ My kind of movie.

Leider kann ich auch hier der Diskussion nur kurz folgen da im Schubert das Kurzfilmprgramm 5 wartet:

In „Thumb“ von Moritz S. Binder fährt ein persischer Sohn mit seinem Vater, der selbst Arzt ist, zu dessen Arztkollegen in Nordwesteuropa um herauszufinden, ob sich des Vaters todverheißende Diagnose bestätigt. Vielleicht fährt er seinen Vater aber auch nur herum, damit der nochmal seine alten Freunde trifft, von denen der letzte bereits selbst gestorben ist. Es gibt ein paar schöne Einstellungen,  und ein paar schön gespielte intime Szenen zwischen dem Vater, dem Sohn und den Freunden, aber der Film endet dort unaufgeregt,
wo er vielleicht erst hätte richtig losgehen können.

Esiod 2015″ ist ein Science Fiction Film über eine Frau die nicht mehr an ihr Bankkonto kommt, obwohl das offenbar mit ihren biometrischen Daten und ihrem Bewegungsmuster zusammenhängt. Sonst hängt da für mich nicht viel zusammen. Die Kostüme sind retrofuturistisch und die angedeutete Handlung löst sich vor meinen Augen irgendwie in Animationen auf und ich mach mich erschöpft, ohne Diskussion, vom Acker.

Dann hab ich Fahrstunde in den Straßen von Graz und fahre meinen eigenen Film bzw.
direkt wieder ins Annenhofkino, in dem die Doku „Girls Don’t Fly“ von Monika Grassl gezeigt wird. Ein Engländer baut einen Flugplatz in Ghana, bildet seine Frau zur Pilotin aus und rekrutiert mit ihr eine Klasse von jungen ghanaischen Frauen, die die Chance haben eine Flugausbildung zu machen. Ein weiteres junges Mädchen mit einem verkrüppeltem Arm hatte er zu Beginn des Films schon erfolgreich ausgebildet und ihr die baldige Fluglizenzprüfung versprochen. Wir verfolgen die „Ausbildung“ der Mädchen, die aus Papierfliegerpasteln und rudimenteräm Drill besteht. Der Typ führt sich komplett auf und was wie Ghanas Next Female Pilot Star beginnt wird zum traurigen postkolonialem Exzess, bei dem neben der Protganistin nur eine einzige der übrigen Flugschülerinnen einmal mit fliegen darf, während sie die meiste Zeit das Flugfeld sauber und sicher halten und beispielsweise die Flugkunden begrüßen lernen.

Zum Drüberstreuen dann noch um elf zu „Surf Nazis must die“ von Peter George (1987) ins Schubertkino. Im Kino herrscht Länderspielstimmung endlich dürfen wir uns als cineastische Nerds outen und führen uns mit Popkornschlachten und durchgehendem Alkoholgenuss auch so auf wie damals als Teenies in den 80ern. Der Film ist episch. Die Surfnazis haben den Power Beach übernommen. Adolf, der eher ausschaut wie Freddy Mercury führt eine Bande von herrlich verrückten Gestalten wie den SM-Prinzen Mengele, einem Typ mit Hut und einer sexy Catwoman zum vermeintlichen Endsieg. An dieser Stelle könnte meine Filmeindrucksbeschreibung auch zu episch werden und deshalb verlasse ich mich darauf, dass wir uns den Film einfach mal im Sommer auf der Hazienda reinziehen. Geile Bilder, geile surrealistisch gezeichnete Gangs, geiles Surfing und eine schwarze Mutter die die Nazis das Fürchten lehrt.

TAG 3
Nicht viel geschlafen habend sitze ich von drei Fair-Trade-Kaffees wieder hellwach in der nächsten Doku im Annenhof und verfolge gespannt „Aus dem Nichts“ von Angela Summereder. Ein gewisser Carl Schapeller spricht in einem oberösterreichischen Dorf von der Raumkraft und zwar so überzeugend, dass ihn die Leute von verschiedenen Stellen meist mit bäuerlichem und geistlichem Hintergrund Geld zukommen lassen. Wir erfahren das von Menschen aus der Gemeinde, die in den zwanziger Jahren als Kinder dem phaenomenalen Wissenschafter, oder besser das Phaenomen Schapeller kennen lernten. Als die nun alten und weisen Menschen als Gruppe in Schapellers Schloss stolpern erwacht eine fiktional historische Ebene zum Leben in der so tolle Schauspielerinnen wie Annette Holzmann oder Tim Breyvogl den guten Ton angeben und die außerordentlichen Conversationen rund um den theoretisch visionären Physiker nachspielen. Das funktioniert, anders als bei vielen Geschichtsdramen in denen, mir zum Grauen, Szenen von Schauspieler_innen nachgestellt werden, sehr gut, da es weitgehend ein einziger großer Fictionblock ist, der ausgezeichnet gespielt und nicht sonderlich kommentiert wird. Im einem dritten Abschnitt des Films begegnen wir modernen Wissenschaftlern in Deutschland und Indien die mit ihrer Raumkraftforschung schon fortgeschrittener sind und ihre Existenz mittels Maschinen, die mehr Energie freisetzen als in sie scheinbar investiert wird, zu beweisen versuchen. Diese Energie kommt, wie ich es verstanden habe direkt aus der Eigen~ des Raums. Skurril bis einleuchtend muten die präsentierten Ergebnisse mit magnetischen Spulen an und leider versäume ich aufgrund meines dichten Zeitplans die Diskussion im Anschluss, auf dass ich mir ein noch breiteres Bild vom Stand der phantasievollen Forschungen hätte machen können.

Es geht wieder rüber ins Schubert zu Kurzdok 4 und erst als ich schon im Saal sitze merke ich, dass ich für dieses Programm am nächsten Tag versehentlich schon nochmals reserviert habe.  Ich sollte es nicht bereuen…

„Crimea“ von Daniel Dlouhy und Sofya Tartarinova berichten von der nun wieder russisch verwalteten Krim. Ein Moskowiter Historiker erzählt neben seinem Geheimdienstfreund, der die ganze Zeit während die Kamera läuft, schweigt, über die in Russland offenbar populäre Praxis des Reenactments von historischen Schlachten. Er schildert unter anderem auch, dass sich die Reenactmentszene an der russisch ukrainischen Grenze traf und sich ihre Versorgungslininien an Munition und Personal mit den in der Ukraine tatsächlich kämpenden Freicorps teilweise ergänzten. Dazwischen bewegte Bilder von der Krim heute, wenige Touristen, eine befremdliche Ruhe in an sich zur Entspannung angereisten Gästen, ein Akkordeonspieler der von Odessa singt.

Hernach „Supercargo“ von Christoph Schwarz und Peter Moosgaard. Von der Auffindung und Weiterentwicklung eines Kunstkultes. Inspiriert vom melanesichen Cargocult, der, durch den Nachbau von westlichen Errungenschaften aus Holz, Erfolg und Reichtum und Anthropologen anlocken soll, „entdeckt“ Peter Moosgard die Macht seiner eigenen Nachbauten und setzt zur kulturhistorischen Implementation unter Niederösterreichischen Jugendlichen und Wiener Kulturinstitutionen an. Der Streich gelingt und Christoph Schwarz setzt einige Cargokunstwerke mit Hilfe der Boyce-Gesellschaft in Leercontainern, die zu statischen und logistischen Zwecken immer auf den großen Containerschiffen mitfahren müssen, in Bewegung über die Weltmeere.

Zuletzt „Sofern Real“ von Mirijam Bajtala über Schauspieler_innen, die sich für Medizinstudent_innen in psychisch Kranke verwandeln. Das erläuert sich mir aber erst in der Nachbesprechung. Während den sehr ästhetischen Übergängen von Interviews und der Bewegung einer Performerin, allesamt in einem schönen Gebäude entschlüsselt sich mir der Wechsel zwischen psychisch beeinträchtigtem Spiel und Reden über die Verkörperung psychisch Beeinträchtigter nicht und mein Wunsch alles immer kategorisieren zu können, beieinträchtigt meine Lust mir die für mich unzusammenhängenden Texte und Gefühlsregungen weiter anzuschauen. Vielleicht hätte es schon gereicht, wenn ich zufälligerweise, denn ich fliege am Liebsten blind von Vorstellung zu Vorstellung, die Inhaltsangabe vorher durchgelesen hätte. Aber ich sollte es mir am Samstag Abend ja noch mal zu Gemüte führen…

Nach der Disku ssion wieder ins ehemalige Gloria Kino zu „Agonie“.
(Achtung es folgen Spoiler)
Ich bin im Gegensatz zu Titel allerdings voller Lebensfreude, weil endlich, nach einer harten Arbeitswoche meine Freundin ins Festivalprogramm einsteigt. Vor dem Kino aufgeregtes Getümmel und ein paar Stars des neuen Österreichischen Films sowie aufstrebende Regisseur_innen, Producer_innen und Caster_innen machen sich Weg zu den Plätzen um den ersten Langfilm von David Clay Diaz zu bestaunen. July wird auf einem Fotoshooting aufgehalten und ich setze mich auf meinen royalen Lieblingsplatz um von dort aus ein frühes Meisterwerk eines hochtalentierten Filmemachers zu bestaunen:
Es geht um einen Mädchenmord in Wien. Die phantastische Alexandra Schmidt wird zerstückelt und in Plastiksackeln in der Stadt verteilt. Parallel dazu sehen wir die Geschichte eines jungen Getto Rappers, der davon rappt seine Ex wegen ihres Schlampendaseins zu verräumen, aber es vorläufig bei der Beleidigung polizeilicher Amtsgewalt belässt. Deppert für die Rolle, des hier wieder extrem deepen Simon Hatzl, er spielt des Teenies Vater und packt sein eigenes Leben mit seiner Frau, der Martina Poel einfühlsam Leben einhaucht, nicht. Die hat zudem die jugendlichen Schauspieler_innen auf Champions League Niveau gecoached, was den Film zu einer wahren Bombe macht.

Jetzt könnt’s schon auf die Parties gehen, aber ein Cineast mit einer Reservierung lässt sich nicht verführen. Außerdem ist meine Liebste jetzt bereit für ihren Festivalstart und wir kuscheln uns ins Rechbauer, einem der schönsten Kinos aller Zeiten,
um die ebenfalls schönen, aber nicht im inhaltlichen Sinne schönen, Aufnahmen, Fundstücke und Texte von Selma Doborac in „Those Shocking Shaking Days“ an zu schauen und manchmal auch anzuhören. Ruhige Bilder von halb wieder aufgebauten, noch immer zugemauerten oder verwachsenen Häusern im zerbombten Bosnien, dazwischen wenige aber intensive und beklemmende Bilder von Kriegshandlungen, während des Zerfalls von Jugoslawien und allem voran: geschriebenes Wort. Ein sich selbst reflektierenden Text über die Rezeption von Kriegsbildern der in bis zu fünf Zeilen langen Absätzen vorangeschalten wird. Ohne Ton und zuweilen ohne Bild arbeiten sich die Texte ins Gehirn. Jedes knackende Popkorn, jedes Rascheln, jedes räuspern schneidet durch die andächtige Lesestille. Später endlich O-Töne, auch wenn es manchmal nur ein Rauschen ist: eine Erlösung. Man greift in die Süßigkeitentüte, man trinkt einen Schluck. Manchmal wird Text gelesen, ohne Bild, man kann seine Augen schließen und Zuhören, auch das eine Erlösung. Dann wieder Text und Text und wieder Text ein kulturtheoretischer Exzess. Ein Toter, eine klaffende Wunde, nichts weiter und danach angeregt, heitere Erörterungen der Regisseurin über die Macht der Sprache und den Missbrauch der Bilder. Für mich war der Film eine gelebte Abhärtungsmaßnahme gegen viele Formen der Propaganda und ein weiterer Vorausblick auf meine nun schon sehr ersehnte und immer nährerückende Zeit in Sarajevo.

Auf dem Weg ins Kunsthaus begleitet uns ein weiterer berühmter Dichter, Gustav Ernst, der sich die Diagonale vom Hotel aus reinzieht und nebenbei einige geniale Texte in Theater und Film platziert. Im Kunsthaus tauschen wir uns mit dem Betreiber mehrerer mobiler Freiluftkinos aus und ich werde von einer ukrainischen Radiomacherin spontan zum ausführlichen Interview geladen, dass ich souverän führe und im Anschluss auch sie über die Theaterszene in der Ukraine interviewe. Lemberg, Odessa, Kiew wir kommen!
In der Festival-disko treffen wir auch noch ein paar nicht unbedingt Filmschaffende aber doch konsequent einifülmende reale Grazer Homies wie Dirtman und Baumi \m/

Tag 4
Gefrühstückt wird im Kinosaal, den die Beste aller Freundinnen und ich wollen „Brüder der Nacht“ von Patrick Chiha nicht versäumen. Junge bulgarische Männer verdienen sich in Wien ihr Geld mit der Befriedigung von zahlungswilligen Männern. An surrealistisch verfremdeten Orten, in sehr lässigen Kostümen präsentieren die Jungs sich, ihren Style und ihre Welt in lockeren Gesprächen miteinander. Alle Themen des Schwulenstrichs werden konsequent an- und explizit ausgesprochen, dabei verlieren die Jungs, und nicht einmal die Kunden, jemals ihre Würde. Ein weiteres Meisterwerk dieser Diagonale, dass im Endeffekt auch als veritabler Spielfilm firmieren kann. Das Licht und die Kameraeinstellungen sind schlichtweg leidenschaftlich und poetisch.

1330 KiZ Royal: „A Good American“ Das österreichische Parlament hat es schon gesehen, das europäische wird es sehen und das US-Amerikanische will es nicht sehen. Das Zeitdokument von Friedrich Moser der Bill Binney einem ehemaligen NSA-Mitarbeiter und seinen Kolleg_innen erlaubt seine unfassbare Geschichte zu erzählen. Der Krypto-Mathematiker hat einen Algorithmus entwickelt, der aus allen verfügbaren Geheimdienstdaten Bedrohungsindikatoren herausfiltert, die zuverlässig terroristische Anschläge und entscheidende Offensiven im Kriegsfall vorhersagen. Und das in solcher Art, dass die Privatsphäre von unbescholtenen Bürger_innen, durch die Analyse der Metadaten, nicht einmal angeschaut werden muss.
Wer hat den Einsatz dieses fertig entwickelten Tools verhindert? Private Firmen, von ehemaligen Geheimdienstmitarbeiter_innen gegründet, die in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr die Arbeit des US-amerikanischen Geheimdienstes übernehmen und sich dafür fürstlich entlohnen lassen. Die verfügbaren Daten der ganzen Welt sind also in privater Hand. Ist das so schlimm, wenn wir bedenken was wir alles freiwillig an die Konzerne mitteilen? Eine spannende Sache und eine atemlose Nachbesprechung. Zu hoffen ist, dass wir Europäer_innen uns als widerständigere Demokratie erweisen und uns das Spiel mit unserer Sicherheit nicht mehr länger aufzwingen lassen. Check da web!

Nach einem ausgezeichneten Abendessen, in Graz gibt es neurdings schon an mehreren Plätzen vorzügliche Asiaten, wieder ab ins Annenhof.

Ich geb mir noch einmal Kurzdok 4. Und ich finde das sogar spannend, weil ich nun mal zur Abwechslung eine hintere Reihe ausprobiere und ich die Geschichten von der Krim und der Cargokunst noch einmal intensiver studieren kann. Vor dem dritten Film „Sofern Real“, der mit den Patient_innendarsteller_innen, hab ich eigentlich schon Angst, aber weit gefehlt, mit dem Hintergrundwissen was da passiert und das es eine gespielte und eine erzählte Ebene gibt, ist mir der Inhalt viel schlüssiger und statt einem Film den ich vergdrängen und vergessen würde, bleibt mir eine erhellende Einsicht in die Materie Patient_innendarstellung. Die Filmemacherin erklärt auf meine Frage nach dem Sinn der bewussten Nicht-Erklärung für mich sehr interessanter Sachverhalte, sinngemäß, dass sie Experimentalfilmerin sei und als solche Alles dürfe, auch mich alleine lassen. Ich denke meine doppelte Ansicht des Films hat das, von der Regie intendierte, ästhetische Verhüllungs- und Vermischungskonzept umgangen und für mich persönlich eine bezaubernde Schönheit im Filmmaterial, in der Komposition und einen das Bewusstsein erweiternden Blick auf den Kern der gefilmten Materie freigelegt.

Selbstverständlich gehen wir noch auf die Preisverleihungsparty im Orpheum. Richten die Leer-Ausgegangenen wieder auf und freuen uns mit den Preisträgern, die wir vorhergesagt haben. „Holz Fleisch Erde“ gewinnt die Dokukategorie und Fjuka den Jimi Lend Award für den geilsten Live-Act. Hände werden geschüttelt alte Freund_innen begrüßt und hie und da sprudeln in kurzen Momenten auch schon einsichtige cineastische Wortkaskaden aus unseren Mündern und natürlich Pläne und Bilder zu eigenen, nicht zwingend filmischen, Projekten durch unsere Köpfe.

TAG 5
Die Extrarunde. Nur aus Vorsicht hatte ich mich wie jeden Morgen am Samstag früh schon für Sonntagsfilme angemeldet und so verzichten wir ausnahmsweise auf den Kirchgang und geben uns im Filmtempel des UCI die Messe.

„hildegart oder projekt: superwoman“ läuft als Sonntagsmatinee. Barbara Caspar berichtet von Aurora Rodriguez die sich Anfang des 20. Jahrhunderts in Spanien schwängern lässt um alleinerziehnd die kommende Superfrau zu schaffen, die, mit allen intellektuellen Wassern gewaschen, den Frauen der Welt in ihrem Kampf um Gleichberechtigung vorangehen sollte. Tatsächlich wird Hildegart, so heißt die Tochter, zu einer herausragenden Persönlichkeit, die in der sozialistischen Partei wirkt und international mit so bedeutenden Persönlichkeiten wie beispielsweise H.G.Wells vernetzt ist. Als sie sich mit 17 von der Mutter lösen will, wird sie von ihrer Schöpferin erschossen. Was für ein unfassbares Drama, dass die Regisseurin uns hilft mit Interviews und Actionberichten von heutigen Frauenrechtsaktivisten, unter anderem von Femen, zu verstehen. Die Hintergründe der Rückblenden sind diesmal gezeichnet und die Charaktere der Hauptfiguren mit wenigen erstaunlichen Strichen und Gefühlsregungen von Jörg Vogeltanz beeindurckend emotionsgeladen animiert. Auch diese Doku dient in einprägsamer und ästhetisch wertvoller der Aufklärung des Menschen und lässt mich persönlich mit der Überlegung zurück, wie sich Hildegart Rodriguez entwickelt hätte, wenn sie statt ihrer Mutter, mit den spanischen Faschisten hätte um ihr Leben kämpfen müssen…

Wir haben fast drei Stunden Zeit für unseren letzten Film, also warum schieben wir nicht noch eine Doku dazwischen. Die Gelgenheit ergibt sich und wir bleiben im selben Kino und beim Thema der menschlichen Reproduktion.
Maria Arlamovskys „Future Baby“ beleuchtet die vom Geschlechtsverkehr befreiten Möglichkeiten der Fortpflanzung in aller Welt und aus vielen interessanten Blickwinkeln. Mütter, Leihmütter, Väter, Ärzt_innen, Krankenpfleger_innen und sogar Carl Djerassi, einer der Erfinder der Antibabypille und zudem Dramatiker, bekommen das Wort und berichten von ihren Erfahrungen und Ansichten. Jeder Vorgang im Zuge einer künstlichen Reproduktion wird explizit dargestellt und wie Du Dir vorstellen kannst Bruder, ist das zwar hochinteressant, aber niemals so erfüllend wie Da Good Old Mammal Way, bei dem es ja heute zum Glück nicht mehr nur um die Schöpfung geht.
Dieser Film zeigt uns die technologische Evolution während sie passiert, allerdings setzt sich glücklicherweise evolutionär auch nicht immer alles durch…

Zu guter letzt noch einmal hinüber ins Bosnien der Gegenwart. „Korida“ von Siniša Vidovic ist eine Doku über die besondere Bosnische Form des Stierkampfs in der zwei Stiere solange aufeinander prallen und umeinander kreisen, bis einer das Weite sucht. Er steigt extrem lustig ein indem er einen originalen Koridamoderator den Film und die wichtigsten Personen ausrufen lässt, dann geht es munter hinein ins wilde Treiben und über ein paar wenige sehr sympathische Hauptfiguren erhaschen wir indirekt, neben der Faszination des Sports als die Gesellschaft verbindendes Element, Schlaglicht auf die politische Situation des heutigen Bosnien. Großartige Bilder, witzige Überleitungen, Jugocharme und Jugoschick und ein weiterer Vorbote meines zweimonatigen Frühlingserwachens in Sarajewo. Vielleicht schicken mir die bosnischen Filmemacher_innen, die ich kennengelernt habe ja auch gleich interessante Kurzdramen für die Prvi Bosanski Drama Slam…

Dann ist es plötzlich vorbei. Ich begrüsse und begglückwünsche noch Britta Lange, die als einzige im Kino noch mehr Vorstellungen (28!) als ich und falle nach einem guten Abendessen erschöpft auf die Tatort-Couch. What a week!

Gut, moj brat, das wars in aller Kürze von meiner ganz persönlichen Diagonale,
alles Gute an die Family und an Euch alle die ihr mitgelesen habt.
Peace die Tage und fette Greez aus dem tieferen Süden

Dein Jimi Woolf Lend

Über jimilend

Transformer Performer Terraformer :*
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Eine Antwort zu Diagonale 2016 – Ein Brobrief/ing

  1. Oliver Black schreibt:

    Toll zusammen gefasst

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